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Le Chevalier D´Eon: Eingekesselt zwischen historischer Wahrheit und japanischer Fiktion

von Katsuhisa

In Production I.G fesselnder Kriminalgeschichte um Konspiration, Okkultismus und drohender Staatskrise im Frankreich des 18. Jahrhundert, steht eine zwiegespaltene Persönlichkeit im Mittelpunkt der sich überschlagenden Ereignisse: Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Thimothée d'Éon de Beaumont, kurz Le Chevalier D'Eon. Dieser tatsächlich existierende Mann war jedoch kein Medium einer umherirrenden Seele, sondern ein bemerkenswerter Agent. Hochgebildet und politisch geschickt im Dienste Ludwig XV. Neben seiner steilen Karriere am Hofe Versailles, erweckt ein anderes Detail seiner Biografie die Aufmerksamkeit der Geschichtsbücher: das Leben als Frau.

Geboren im Oktober 1728 als Sohn eines Anwalts, war D'Eon de Beaumont exzellenter Fechter, begnadeter Rethoriker, geschickter Diplomat und enger Vertrauter von König Ludwig XV. Als Spion im Dienste des kürzlich gegründeten französischen Geheimdienstes "secret du roi", wurde D'Eon Beaumont nach Russland gesandt. Dort sollte er das Vertrauen von Zarin Elisabeth gewinnen und die unterkühlten diplomatischen Beziehungen beider Länder beflügeln. Bereits nach rund einem Jahr führte der eloquente Jurist, der seinen Doktor am College des Quatre Nations erwarb, die ihm anvertraute Mission zu vollem Erfolg. Russland trat nach intensiver Korrespondenz zwischen Elisabeth und Ludwig XV. an Seite Frankreichs und Österreichs in den Siebenjährigen Krieg ein, der gegen das britische Imperium tobte. Als die verfeindeten Kriegsparteien müde wurden, schickte der unterlegene Ludwig XV. seinen Spitzenunterhändler in geheimer Mission nach London. Wieder bewies der außerordentliche Franzose sein taktisches Geschick in Umgang mit seinen Mitmenschen. Der englische Regent George III erkor den Agenten als Überbringer der Friedensratifikationsurkunde aus, mit deren Unterzeichnung eine europäische Krise ihr glimpfliches Ende fand. Kurz darauf folgte ein Eklat, der im weiteren Verlauf den Mythos Le Chevalier maßgebend erschuf. Nachdem D'Eon de Beaumont seinen Abberufung nach Frankreich ignorierte und eine gewaltsame Entführung fürchtete, lebte er als Frau verkleidet in London im politischen Asyl. Erst Ludwig der XVI . erlaubte dem Exilanten 1774 die Rückkehr in seine Heimat. Allerdings unter der strikten Bedingung, die weibliche Identität beizubehalten. Infolge der Französischen Revolution verlor der mittlerweile wieder in England lebende Freimaurer seine von Ludwig XV. gewährten Pensionsbezüge. So war der Degenvirtuose gezwungen, seinen Lebensunterhalt mit spektakulären Duellen in Frauenkleidern und dem Verkauf seiner exquisiten Bibliothek zu verdingen. 1810 verstarb der Chevalier im Alter von 83 Jahren in London.

Romantisch verklärten Mythen zufolge, die der abenteuerliche Franzose selbst entfachte, verkleidete sich D'Eon de Beaumont bereits in Russland als Frau, um gefahrlos das Herz der Zarin zu erobern und so seine Mission zum sicheren Erfolg zu führen. Neue wissenschaftliche Expertisen jedoch bewerten diese Geschichten als Ammenmärchen, die der Agent erfand, um seiner Reise einen aufregenderen Charakter zu verleihen. Die geschlechtliche Tatsachenverdrehung entwickelte in der Biografie des Chevalier eine besondere Eigendynamik. Erst mit dem Tod und der anschließenden Obduktion dieser besonderen, von der Historie gebeugten Persönlichkeit wurde der Mythos im Nachhinein aufgelöst. D'Eon de Beaumont war zweifellos ein vollwertiger Mann. Damit hatten Gerüchte und Wirren um seine Identität für immer ein Ende gefunden. Der Name Lia, der für D'Eons fiktive Schwester gewählt wurde, ist übrigens keine Erfindung der japanischen Autoren. Es war der Vorname, den der Franzose für sein weibliches Alter Ego auswählte.

Viele Jahrzehnte nach seinem Tod, fand sein Name sogar den Weg in die Wissenschaft des frühen 20. Jahrhundert. Die Bezeichnung "Eonismus" charakterisierte transsexuelles Verhalten. Heute ist der Begriff längst veraltet und findet in der Fachliteratur keine Verwendung mehr.



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